Sonntag in der Früh: Benno weckte mich zum Morgenessen. Per Handy. Benno ist ein Handymensch – immer, wenn wir uns verfehlt hatten an einem Treffpunkt oder ich einen Zeitplan verpasst hatte, konnte ich in Ruhe ein Bierchen trinken – ich wusste, er würde mich anrufen und seinen Standort mitteilen. Benno ist so ein iPhone-Mensch. Er fragt per iPhone nach meinem Befinden. Benno ist da eben ein spezieller PR-Mann – er lässt Dir freie Zügel, hat Dich aber trotzdem immer unter Kontrolle.
Die heisse Nacht der Entscheidungsspiele an den PES-Europameisterschften (siehe morgen im Kritiker) war vorbei. Vollmond. Es wurde noch lange gefeiert, die brasilianische Nationalhymne wurde gesungen, der Speaker hatte sich heiser geredet. Das Spiel erscheint am 22. Oktober in der Schweiz, das sei hier angefügt. Auf der Terrasse waren erst wenige Leute – das Frühstücksbuffet samt frischen Erdbeeren (im Oktober!) lockte, aber eben, ich bin nicht der Mensch, der nach Aufstehen und Duschen sofort essen kann. Kaffee (stark) und Orangensaft (frisch gepresst) reicht da vollkommen.
Dann verabschiedete sich Benno, er reiste früher heim. Ich musste folglich alleine die Zeit
totschlagen. Von zehn Uhr am Morgen bis am Nachmittag um vier. Vorher noch auschecken und meine Tasche an der Rezeption abgeben. Sechs Stunden dolce vita – aber sechs Stunden Wartezeit kann ganz schön lange dauern. Spaziergänge entlang des Ufers. Die Sonne brannte mit 27 Grad. Warten irgendwo im Schatten, alle paar Minuten gemerkt, dass die Uhr wirklich nur ein paar Minuten mehr anzeigt. Das Buch hatte ich leider in meiner Tasche und die war deponiert. Beim Frühschoppen am Mittag mitgehört, wie sich da ein paar Mitglieder der „Staff“ unterhielten – Belgier – und sich erzählten, dass da ein Teilnehmer abgehauen sei, mit fast dem ganzen Inhalt der Minibar, ohne zu bezahlen. So rund 200 Euro, hörte ich. Man werde ihm das dann halt per Rechnung mitteilen.
Weitere Rundgänge rund ums Hotel, immer grössere Kreise gelatscht. Den Möven zugeschaut. Dreizehn Uhr. Meinen iPod hatte ich daheim vergessen, also kein Sound ausser dem Geplätscher der Wellen. Angefangen, Selbstgespräche zu führen. So oder ähnlich muss es sein, wenn man sich in einer Wüste verirrt. Kleiner Imbiss zur Auflockerung. Wieder gelatscht. Ein zweites Bier gegen den Durst, der da unweigerlich aufkommt. Fragen an mich beim Rumlaufen: Warum hatte ich nur die kleine Nikon mitgenommen? Warum hatte ich zwei Pullover im Gepäck? Was wollte ich mit einem dicken Jeanshemd, da doch alle in leichten Shirts durch die Gegend stolzierten? Warum hatte ich keine dreiviertel langen Hosen dabei, wie sie hier in Mode waren?

Die Antworten an mich (was macht man anderes in solchen Warteschlaufen, als sich selbst zu befragen?): Die grosse Nikon wäre viel zu schwer gewesen samt Objektiv. Die Pullover waren mit auf der Reise, da es am Tage vor der Ankunft an der Küste geregnet hatte. Das Jeanshemd hatte ich um die Hüfte gebunden, sicherheitshalber, in den Flugzeugen wird es manchmal sehr kühl.
Noch ein paar Bilder gemacht, in die Wartehalle gegangen, fast eingeschlafen,
ein Kiosk war nirgends in Sicht, nur ein Souvenirstand mit Seidentüchern. Die Zigaretten wurden knapp. In Sachen Zigaretten vertrat das Hotel eine strenge Politik. Im eigenen Zimmer durfte geraucht werden. In allen anderen Räumen innerhalb des Hauses nicht. Auf der Terrasse und an der Schwimmbad-Bar dann aber doch.
Inzwischen waren immer mehr blaue Leibchen in Sichtweite – das waren die aktiven Teilnehmer am Turnier. Mehrheitlich, wie ich feststellen konnte, doch Jugendliche, die Opas hatten sich schon umgezogen. Nochmals schnell an der Rezeption das Handy nachgeladen. Weiter gewartet. Zeitungen gab es keine. Ein paar Notizen auf ein weisses Blatt Papier gemacht. Gedächtnis-Stützen.
Und dann war plötzlich der Bus da. Eine Dame auch, die sorgfältig abhakte, wer in den Bus stieg. Abfahrt zum Flughafen. Die Strasse entlang des Meeres ist sanierungsbedürftig, sagte mein Rücken: Ich hatte eine Platz direkt über der Vorderachse gefunden, Meine Knochen kreischten bei jedem Schlagloch den „Jetzt brechen wir gleich“-Walzer. Nizza ist baufällig, jedenfalls die Häuser an der Strasse entlang des Meeres. Viele Häuser sind zu verkaufen, viele Villen stehen leer, linsen mit kaputten Scheiben hinter den vielen Autos her, viele Appartements wollen vermietet werden, als wäre da eine Stadtflucht im Gange. Dann war die Bus-Tortur beendet, zuerst ein paar Lockerungsübungen, einchecken. Nur waren da zwei lange Kolonnen vor den beiden SWISS-Schaltern, Koffer über Koffer auf den Wägelchen – was nehmen die Leute so alles mit in die Ferien?
Am Business-Schalter stand niemand an – ich überlegte, ob ich mein Ticket mit meinen angesparten Meilen upgraden sollte. Ob das möglich wäre? Ich liess es, schliesslich war ich schon der siebte in der Reihe vor dem Schalter, und wenn das mit dem Upgrade nicht klappen würde, müsste ich wieder hinten anstehen. Benno hatte mir versprochen, er werde mir so bald als denkbar das PES-Game senden. Fussball virtuell – dann haben wenigstens die Daumen Bewegung. Wieder zwei Schritte nach vorne. Am Schalter dann sofort bedient dank elektronischer Registrierung, In den Warteraum beim Gate gewandert, den Dutyfree-Shop gesehen – aber der hatte keine Camel ohne Filter. War eigentlich egal – im Flughafen herrschte Rauchverbot.
Der Warteraum war bumsvoll. Der Airbus aus Zürich, der uns dann heimbringen sollte, war noch nicht gelandet. Ein Brötchen gekauft. Mit Huhn belegt. Steinhart. Eiskalt. Der Appetit war verflogen. Dann begann das Boarding. Ich wollte so schnell als möglich auf den Flieger – ging aber nicht, denn in Nizza wird das Flugzeug von hinten nach vorne gefüllt. Also zuerst die Reihen 32-25. Ich hatte einen Fensterplatz in Reihe 17, also warten. Irgendwann erschien dann die Leuchtschrift, dass nun alle Passagiere einsteigen können. Und natürlich begann nun die grosse Hetzjagd. Und es hatte sich bewiesen, was ich dachte: Warum zuerst hinten auffüllen und dann die grosse Masse nachschieben – logistisch machte das keinen Sinn. Denn der Gang war voller Menschen, die ihre Koffer verstauten, Jacken abzogen, Handys abstellten, Laptops in den speziellen Laptoptaschen einschlossen und die Tasche dann auf die Knie legten. Menschen, die dann wieder aufstehen mussten, weil da noch jemand in dieser oder jener Reihe einen festen Platz hatte, also Laptop unter den Arm klemmen, Sorry, ich muss da durch, dann wieder hinsetzen.
Endlich gestartet. Irgendwann über Antibes (so die eingeblendete Karte auf den SWISS-Bildschirmen über den Sitzen, kamen die Stewardessen und reichten sogenannte Butterbretzeli. Als ich mir die Bretzel von innen anschaute, wusste ich nicht, warum das Gebäck nun ausgerechnet „Butterbretzel“ heissen soll – Strohballen wäre besser gewesen, von Butter nur ein Spürchen. Na ja, zu Swissair-Zeiten war das noch ganz anders. Aber man muss halt überall sparen.
In Zürich angekommen, begann wieder das Gelatsche durch den Flughafen, auf die Toilette, dann die Suche nach dem Bahnsteig, von welchem mein Zug nach Olten fahren würde, so ich ihn erwische, was nicht passiert ist. Also eine knappe Stunde im Zürcher Haupt-Bahnhof rum gehangen, dann endlich den Zug erwischt, bumsvoll. Man möge doch bitte in den Speisewagen einsteigen, der sei zwar geschlossen, aber man könne dort sitzen. Was macht der naive Mensch, der aus vielen Gründen lieber die ÖV statt des Autos nützt: Er fügt sich. Der Speisewagen war auch bumsvoll.
In Olten dann ging es rasend schnell, rennen war angesagt, Zug erwischt, in Langenthal gleich noch ein Taxi geschnappt. Angekommen. Mit der Zeit merke ich, dass ich wirklich älter geworden bin…
